Über Depression
Ein Interview mit PD Dr. med. Mazda Adli, Chefarzt der Fliedner Klinik Berlin

Herr Dr. Adli, wie würden Sie Depression beschreiben?

Die Depression ist eine der großen Volkskrankheiten. Sie gehört zu den bedeutenden Gesundheitsherausforderungen, mit denen wir als Ärzte, als Therapeuten, aber auch als Gesellschaft zu tun haben. Es ist eine Erkrankung, die häufig langwierig ist und nicht nur den Patienten selbst schwer belastet, sondern auch die Angehörigen und das gesamte Umfeld. Depression stellt oft gleichermaßen eine erhebliche Beeinträchtigung für das Berufsleben des Patienten dar.

Die Krankheit hat es schon immer gegeben, sie war auch schon immer häufig. Heute aber drängt sie verstärkt in den Vordergrund der nicht nur medizinisch-fachlichen, sondern auch der öffentlichen Aufmerksamkeit – nicht zuletzt, weil die Depression in zunehmendem Maße Ursache für Arbeitsausfälle, Krankschreibungen, vorzeitige Berentungen etc. ist. Auch die Forschung zur öffentlichen Gesundheit (Public Health) beschäftigt sich mit der Depression, hier hat sich Public Mental Health als ein Teilbereich etabliert. All das ist auch richtig so, denn nur so werden wir in der Lage sein, der Erkrankung adäquat zu begegnen und denjenigen, die einer Behandlung bedürfen, möglichst frühzeitig und wirksam zu helfen.

Erkrankt ein Mensch eher an seinem Körper oder an seiner Seele?

Biologische oder psychische Ursachen werden heute nicht mehr so getrennt betrachtet. Frühkindliche Erfahrungen, aktuelle belastende Ereignisse, traumatische Erlebnisse – all das hinterlässt im Gehirn Spuren. Letztendlich wird jeder Eindruck, jede Erinnerung, mag sie gut oder mag sie schlecht sein, im Gehirn zu Chemie. So funktioniert ja unser Gedächtnis. Jede Erfahrung, die wir machen, hat auch ihre strukturelle Entsprechung im Gehirn. Dadurch lässt sich auch erklären, warum wir in der Genaktivität traumatisierter Menschen nachweisbare Veränderungen vorfinden. Sogar Menschen, deren Eltern Traumatisches erlebt haben, zeigen in bestimmten biologischen Variablen Merkmale, die auf die Erfahrungen der Elterngeneration hindeuten und nicht auf eigene Erlebnisse. Also: Alles, was wir an Erfahrungen machen, materialisiert sich im Gehirn und wird in gewisser Weise zu Biologie. So auch alles, was zu einer Depression beitragen kann. Hier setzen die Antidepressiva an.

Welche Symptome werden bei Depression beobachtet?

Depression ist eine Krankheit, die sich durch schwere Stimmungsveränderungen bemerkbar macht: Niedergeschlagenheit, Gefühlsleere, in vielen Fällen begleitet von innerer Unruhe und Ängstlichkeit. Energie und Antrieb nehmen ab, man kann sich häufig nicht mehr gut konzentrieren, dadurch wird es zunehmend schwieriger, der Berufstätigkeit in gewohntem Ausmaß nachzugehen. Das hat häufig zur Folge, dass sich Patienten unter Druck setzen, mit sich selbst unzufrieden sind. Selbstvorwürfe kommen hinzu, dadurch entsteht häufig ein psychologischer Teufelskreis, der die Krankheit aufrechterhält.

Wo setzt die Therapie bei Patienten mit Depression an?

Depression kann eine Folgeerkrankung von Stress sein, die verschiedene „Stresspuffersysteme“ im Organismus beeinträchtigt, am Ende entsteht ein Teufelskreis aus Stress und Stressfolge. Diesen Kreislauf zu durchbrechen ist das Ziel psychotherapeutischer Maßnahmen in der Depressionsbehandlung.

Sind die depressiven Beschwerden stärker ausgeprägt, benötigen wir spezifische Medikamente, die Antidepressiva. Hier gibt es glücklicherweise mittlerweile eine Vielzahl pharmakologischer Optionen, die es uns ermöglichen, eine schonende Behandlung vorzunehmen und nebenwirkungsarm zu behandeln. Antidepressiva sind heute genauer dosierbar und dadurch besser handhabbar. Das ist ein großer Segen, weil es beispielsweise dazu geführt hat, dass Depressionen auch im primärärztlichen Bereich, also vom Hausarzt, besser behandelbar sind.

Wir wissen heute mehr und mehr darüber, welche biologischen Faktoren einen Einfluss darauf haben, wer auf ein Arzneimittel besser und wer weniger gut anspricht. Dazu gehört die genetische Variation am ABCB1-Gen: Das ist ein Gen, das ein Protein, das P-Glykoprotein, codiert; dieses Protein hat eine ganz entscheidende Funktion an der Blut-Hirn-Schranke. Dort arbeitet das P-Glykoprotein als Pumpe, die beständig dafür sorgt, dass zum Beispiel fremde Eiweiße und Giftstoffe zurück in den Blutkreislauf gepumpt werden. Diese wichtige Schutzfunktion betrifft allerdings auch Arzneimittel – darunter viele Antidepressiva –, die ebenso zurückbefördert werden. Wenn also diese Pumpe sehr aktiv ist, geraten weniger Moleküle des erwünschten Arzneimittels ins Gehirn; arbeitet die Pumpe etwas schwächer, dann gerät mehr vom Medikament ins Gehirn und die therapeutische Wirkung kann sich etwas besser entfalten.

Aus diesem Grund ist es für uns interessant zu wissen, wie aktiv das P-Glykoprotein bei einem bestimmten Patienten ist, denn darauf können wir reagieren und unsere Behandlung abstimmen. Drei von vier Antidepressiva werden von dieser Pumpe erkannt und zurück in den Blutkreislauf befördert; wenn wir wissen, dass ein Patient ein sehr aktives P-Glykoprotein und somit eine schwer passierbare Blut-Hirn-Schranke hat, können wir auf ein anderes Medikament zurückgreifen, das nicht von der Pumpe erkannt wird. Es gibt auch einige Hinweise darauf, dass man durch eine höhere Dosis eine sehr aktive Blut-Hirn-Schranke überwinden kann, das ist noch eine interessante Forschungsfrage. Es gibt mittlerweile zuverlässige Erkenntnisse, die zeigen, dass eine Depressionstherapie unter Berücksichtigung der jeweiligen Eigenschaften der Blut-Hirn-Schranke eines Patienten, also seines ABCB1-Genotyps, erfolgreicher ist und eine höhere Chance hat, in vorgegebener Zeit eine Verbesserung für den Patienten zu erreichen.

 

PD Dr. med. Mazda Adli, Chefarzt der Fliedner Klinik Berlin

Seine klinische und wissenschaftliche Tätigkeit widmet er der Entstehung und Behandlung von affektiven Erkrankungen. Dazu gehören stressassoziierte Symptome, die Depression und die manisch-depressive Erkrankung. Zu seinen herausragenden Arbeitsschwerpunkten zählen Untersuchungen zu Einflussfaktoren auf die individuelle Stressreaktion sowie die Entwicklung von Strategien zur Behandlung der therapieresistenten Depression.

Die Fliedner Klinik Berlin ist auf die Behandlung und Prävention von psychischen Störungen, die heute zu den großen Volkskrankheiten gehören, spezialisiert: Depressionen, Angsterkrankungen sowie die Vielzahl an psychiatrischen und psychosomatischen Erkrankungen, die Stress als Ursache haben können.

Zur Steuerung der Medikamententherapie bei Depression nutzt die Fliedner Klinik Berlin den ABCB1-Test.